In Zukunft Losgröße 1?

Die digitale Transformation ist da, wir sind mittendrin und der Prozess wird weitergehen. Gerade im Handel sind Dynamik und Geschwindigkeit der Digitalisierung extrem hoch – angetrieben durch einerseits steigende Erwartungen der Konsumenten hinsichtlich Bequemlichkeit und Tempo und andererseits durch die Verfügbarkeit von neuen Technologien und Rechnerkapazitäten, die noch nie mächtiger waren als heute.

Und der Handel erhöht den Druck auf die Hersteller, Fertigungsprozesse effizienter und flexibler zu gestalten, um auf die in einem immer höheren Maß individuellen Wünsche seiner Kunden eingehen zu können und steht dabei selbst gleichzeitig unter enormem Druck, seine Vertriebsstrukturen und –prozesse zu flexibilisieren, um schnell auf Trends und Entwicklungen reagieren zu können.

Viele Konsumgüterhersteller beschränken sich schon jetzt nicht mehr nur auf ihre Rolle als Produzent. Wer die Fertigung mit einer eigenen oder den E-Commerce-Plattformen der Händler und Sozialen Medien eng vernetzt, kann ganz neue Erlösmodelle schaffen und die vollständige Wertschöpfungskette erschließen: vom Produktdesign bis zum Vertrieb. Am Ende ist dieser Schritt die logische Konsequenz aus einem stark veränderten Verbraucherverhalten: Jene Verbraucher, die sich heute blitzschnell informieren, in den Sozialen Medien inspirieren lassen, eine individuelle Ansprache erwarten und im Einkaufsprozess so gut wie keine Hindernisse mehr tolerieren.

Der Konsument als Product Engineer – digitale Prozessketten

Die Time-to-Market wird durch die digitale Transformation immer kürzer, die Personalisierung immer genauer bis zur extremen Individualisierung eines Produktes – Losgröße 1 – und der Dialog zwischen Käufer und Hersteller ist in vollem Gange: in Posts geäußerte Produktverbesserungen oder Angebotserweiterungen können direkt in Planung und Produktion einfließen. Auch das Produktdesign selbst kann unter Beteiligung des zukünftigen Konsumenten stattfinden. Innovationen in Handling und Usability lassen sich schneller umsetzen, neue Produkte oder Lösungen anhand der tatsächlichen Nachfrage anfertigen.

Die Vernetzung von Online und Offline – also von Webshop und stationäre Filiale ist das Ziel eines Omnichannel oder auch „One Channel“-Modells und – die Schnittstelle zum Markt. Sie kann dynamische Veränderungen erfassen und über digitale Netze an die Fertigung weiterleiten. Steigende oder sinkende Produktnachfragen, neue Trends, Preisniveaus, was machen die Mitbewerber – eine digitale Prozesskette direkt von der Omnichannel-Plattform in die smarte Fabrik.

Produkte „on demand“ verkaufen und nach Maß fertigen

Wenn Hersteller und Handel Potenziale bündeln, heben sie die Personalisierung auf eine neue Stufe: der digitalen Produktion „on demand“ mit fließenden digitalen Prozessketten bis zur individuellen Konfiguration von Konsumgütern. Der Kunde löst durch seine Bestellung direkt den Produktionsprozess in der smarten Fabrik aus und setzt einen vollautomatisierten Prozess von der Produktion bis zur Auslieferung seines Produktes per Drohne an seinen gegenwärtigen Aufenthaltsort in Gang.

Hersteller können mit Hilfe von neuen Echtzeittechnologien Produktionsvolumen effizienter und flexibler steuern. Wo bisher lediglich große Stückzahlen hergestellt wurden, lassen sich durch ein intelligentes digitales Ressourcenmanagement in einer smarten Fabrik nun auch Kleinserien produzieren, die direkt über eine B2B-Commerce-Plattform beauftragt werden. Das Ergebnis: eine noch individuellere, „personalisierte“ Fertigung.

Usability- und Prozess-Know-how aus dem Handel für den Hersteller

Die Vernetzung von Handel und Hersteller fördert auch den Wissenstransfer. Ein Beispiel wäre die Entwicklung benutzerfreundlicher Softwareoberflächen in der Produktionssteuerung: Das Know-how einer zielführenden Usability für einen konversionsstarken Onlineshop lässt sich mühelos für die Entwicklung von Touchscreens für Produktionsanlagen adaptieren. Ergonomische Gestaltung, intuitive Bedienbarkeit und Effizienz eines erfolgreichen Usability-Engineering im Commerce sind auch in der Industrie 4.0 erforderlich.

Auch im digitalen Transformationsprozess selbst kann die industrielle Fertigung vom Know-how der Omnichannel-Transformatoren des Handels profitieren. So berührt etwa die Einführung einer Omnichannel-Commerce-Lösung die gesamte Wertschöpfungskette eines Handelsunternehmens. Die digitale Transformation einer Firma ist ein oft radikaler Change-Prozess mit vielen technologischen, aber auch organisatorischen Änderungen. Abläufe müssen jederzeit transparent gemacht, Verantwortliche und Mitarbeiter auf dem Weg der Umsetzung mitgenommen werden. Bei Omnichannel-Transformationsprojekten hat sich ein prozessorientiertes, prototypisches Vorgehen bei hoher Projektgeschwindigkeit bewährt. Oberste Priorität hat dabei immer der reibungslose Übergang von der alten zur neuen, agilen Prozess- und IT-Infrastruktur, denn die Umwandlung nahezu aller Unternehmensprozesse ist ein extrem umsatzsensibler Vorgang. Gleiches gilt für die digitale Transformation industrieller Fertigungsprozesse.