KI in der Lieferkette – aus Pilot wird Praxis
Künstliche Intelligenz (KI) ist kein Zukunftsthema mehr – sie ist Realität. Doch während viele Organisationen bereits experimentieren, generieren 70 % nur einen geringen Impact mit KI, wie eine aktuelle Studie zeigt. Woran liegt das? Und wie lässt sich aus ambitionierten KI-Projekten messbarer Business Impact generieren?
70 % der Organisationen generieren bisher nur einen geringen Impact mit KI.
GenAI Studie | Lünendonk
Gerade in globalen Lieferketten kann KI zum echten Gamechanger werden: Sie stehen unter hohem Druck durch volatile Nachfrage, schwankende Rohstoffpreise und steigende Nachhaltigkeitsanforderungen. Wer hier frühzeitig auf KI setzt, verschafft sich einen strategischen Vorsprung – durch Effizienz, Transparenz und Resilienz.
In diesem Artikel zeigen wir anhand konkreter Praxisbeispiele, wie KI nicht nur Prozesse, sondern ganze Denkweisen in der Supply Chain transformieren kann.
Die wichtigsten Punkte des Blogs
Drei Hebel, mit denen KI Lieferketten wirklich verändert
Drei Hebel, mit denen KI Lieferketten wirklich verändert
KI wirkt dort am stärksten, wo Komplexität auf Routine trifft. Drei Hauptfelder kristallisieren sich dabei in der Praxis heraus, in denen künstliche Intelligenz klassische Herausforderungen meistert:
1. Unsicherheit managen
Prognosen zu Nachfrage, Lagerbeständen oder Risiken basieren oft auf zahllosen Einflussfaktoren, sodass häufig kein zu 100 % zutreffendes Ergebnis erzielt wird. KI erkennt Muster, bewertet Szenarien fundierter und erhöht so die Planungssicherheit.
2. Prozess mit hoher Varianz steuern
Wo viele Ausnahmen die Regel sind, stoßen klassische Automatisierungen an ihre Grenzen. KI hingegen kann sich flexibel anpassen – sei es bei Lieferantenentscheidungen, Personalprozessen oder Übersetzungen.
3. Unstrukturierte Informationen
In globalen Lieferketten arbeitet man oft mit tausenden Geschäftspartnern zusammen. In der Kommunikation mit den Partnern dominieren EDI-Formate – doch ebenso häufig treffen unstrukturierte Informationen per E-Mail oder PDF ein. KI-basierte Dokumentenverarbeitung (IDP) mit Large Language Models (LLM) erschließt auch diese Datenquellen systematisch.
Von der Theorie zur Praxis: Wie KI heute schon in Lieferketten wirkt
Von der Theorie zur Praxis: Wie KI heute schon in Lieferketten wirkt
Die Integration von KI ermöglicht längst konkrete Verbesserungen – von der Planung über Transport bis hin zur operativen Umsetzung. Die folgenden vier Beispiele zeigen, wie Unternehmen messbaren Nutzen erzielen:
Intelligente Dokumentenverarbeitung – KI-basiert statt manuell
1. Intelligente Dokumentenverarbeitung – KI-basiert statt manuell
Die intelligente Dokumentenverarbeitung ist ein Bereich mit hohem ROI: Unternehmen erhalten täglich Tausende E-Mails mit angehängten Rechnungen, Lieferscheinen oder Zertifikaten. Mit KI können solche Dokumente intelligent verarbeitet werden – in diesem Bereich ist die Adoptionsrate von KI in Unternehmen schon vergleichsweise hoch.
Statt manuellem Erfassen von Informationen in Excel oder anderen Tabellendarstellungen kommen zwei KI-Algorithmen zum Einsatz:
- Communication Mining erkennt Inhalte und Intentionen in E-Mails: Lieferverzögerungen, Preisänderungen, CO₂-Impact – und stößt automatisch Folgeprozesse wie die Anpassung der Lieferplanung, Überarbeitung der Kostenkalkulation und die Aktualisierung des Nachhaltigkeitsberichts an.
- Document Understanding analysiert angehängte PDFs oder Formulare und extrahiert strukturierte Daten wie beispielsweise ein avisiertes neues Lieferdatum
Praxisbeispiel Frachtrechungen: In der täglichen Lieferkette erhalten viele Unternehmen Frachtrechnungen von Spediteuren – oft in sehr uneinheitlicher Form. Vor allem kleinere Dienstleister senden ihre Rechnungen nicht per EDI, sondern als PDF-Anhang in E-Mails. Mit KI-gestützter Dokumentenverarbeitung lässt sich dieser Prozess nahezu vollständig automatisieren. Die KI analysiert über das Communication Mining die Inhalte der E-Mail und des Anhangs und erkennt den Kontext „Rechnung“. Das Document Understanding extrahiert relevante Daten wie Betrag, Frachtreferenz, Lieferdatum, Spediteur.
Die KI gleicht die Daten mit den Informationen im Backend, beispielsweise im SAP Transportation Management (SAP TM), ab. Das System erkennt, ob die Rechnung zu einer vorab kalkulierten Frachtrate und zum darauf basierenden Freight Settlement Document passt. Bei Übereinstimmung der Rechnung mit der Vorabkalkulation kann sie automatisch freigegeben und an die Finanzabteilung zur Zahlung übergeben werden. Falls es Abweichungen gibt, wird automatisch ein Dispute Case im System eröffnet.
Ergebnis: Statt manueller Prozesse beim Austausch von Informationen profitieren Unternehmen von einer automatisierten Prüfung, Verarbeitung und sogar Antwort-Generierung bzw. Zahlung einer Rechnung. Gut vorbereitete Prozesse im SAP TM können durch KI und Automatisierung komplett durchgängig werden. Das spart Zeit und zudem sind Lieferpläne, Kosten oder Nachhaltigkeitskennzahlen schnell aktualisiert verfügbar.
Forecasting mit KI – bessere Planung, besseres Working Capital Management
2. Forecasting mit KI – bessere Planung, besseres Working Capital Management
Ein großer Konsumgüterhersteller stand vor der typischen Situation: Tausende von Sales- und Supply-Chain-Mitarbeiter:innen arbeiteten wöchentlich an manuellen Forecasts. Das Problem: Diese Forecasts waren nicht nur zeitaufwändig und ressourcenintensiv – sondern manuell erstellte Forecasts sind immer auch subjektiv geprägt und fehleranfällig. Es zeigte sich, dass die Forecast-Qualität sich in den letzten Jahren kaum verbessert hatte.
Durch die Einführung künstlicher Intelligenz in den Planungsprozess wurde ein datengetriebenes Forecasting realisiert:
- Einsatz von Clustering-Algorithmen (z. B. K-Means), um Ausreißer frühzeitig zu identifizieren und den Fokus auf relevante Muster zu legen.
- Integration von Echtzeitdaten aus Produktion, Logistik und Markt.
- Kontinuierliches Training der Modelle mit internen und externen Daten, um Marktdynamiken besser abzubilden.
Diese Umstellung ermöglichte es dem Unternehmen, Forecasts zu automatisieren, zu objektivieren und gleichzeitig Ressourcen effizienter einzusetzen.
Ergebnisse
- +5 % Verbesserung im Net Working Capital – ein enormer finanzieller Hebel.
- Deutlich weniger manuelle Eingriffe in die Planungsprozesse.
- Besseres Vertrauen in die Zahlen, da nachvollziehbare Modelle Entscheidungen unterstützen.
- Möglichkeit, Forecasting auf weitere Unternehmensbereiche zu skalieren
Autonomes Yard-Management mit KI und Geofencing
3. Autonomes Yard-Management mit KI und Geofencing
Unternehmen erhalten täglich eine große Zahl an Wareneingängen aus unterschiedlichen Transportwegen (Straße, See, Luftfracht) und müssen diese unter teils zeitkritischen Bedingungen koordinieren. Wie lassen sich die Prozesse im Yard effizienter gestalten und Auslieferungen pünktlich auf den Weg bringen?
In einem konkreten Kundenbeispiel wurde mithilfe von Geofencing und Echtzeitdaten ein System zur autonomen LKW-Anmeldung entwickelt.
Sobald sich ein Fahrzeug dem Gelände näherte, erfolgte eine Vorabbenachrichtigung mit Detaildaten zu Ladung und Ziel.
Die KI analysierte in Echtzeit:
- Verfügbare Docks
- Auslastung je Tor
- Dringlichkeit des Weitertransports
Basierend darauf wurde der optimale Entladepunkt und die effizienteste Route durch das Yard-System berechnet.
Durch den KI-Einsatz konnte eine schnellere Abfertigung und bessere Ausnutzung der Kapazitäten erreicht werden. Zudem konnten Staus und Standzeiten vermieden werden. Insgesamt gelang dadurch ein reibungsloser Übergang in den Outbound-Prozess.
Predictive Maintenance im Schienengüterverkehr
4. Predictive Maintenance im Schienengüterverkehr
Stillstände durch plötzliche Wartungsfälle an Schienen oder Waggons sind teuer – und sie gefährden die gesamte Transportkette.
Durch den Einsatz von Hochgeschwindigkeitskameras und KI-gestützter Analyse kann der Zustand von Schienen und Güterwagen kontinuierlich überwacht werden – bereits während der Fahrt.
So erkennen die Systeme frühzeitig Verschleiß oder Schäden und können Wartungszeitpunkte vorausschauend geplant werden. Die aus den Systemen gewonnenen Daten fließen zudem direkt in die Transportplanung ein.
Durch Predictive Maintenance lassen sich nicht nur ungeplante Ausfälle vermeiden, sondern es wird auch eine optimale Auslastung von Material und Strecke erreicht. Sollte es nötig sein, so kann man schneller auf andere Transportmodi umschichten.
Insgesamt wird dadurch die Lieferkettenlogistik deutlich zuverlässiger.
Erfolgsfaktoren für KI-Projekte in globalen Lieferketten
Erfolgsfaktoren für KI-Projekte in globalen Lieferketten
Wie können auch Sie in Ihrem Unternehmen KI in Lieferketten erfolgreich integrieren? Ein zentrales Learning aus zahlreichen Kundenprojekten: Technologie allein reicht nicht. Entscheidend sind eine klare Strategie, das Buy-in von Stakeholdern und ein schrittweiser Ansatz:
1. Relevante Anwendungsfälle identifizieren
Wo kann KI den größten Mehrwert schaffen? Entscheidend ist die Auswahl von Prozessen mit hohem Hebel.
2. Hohe Datenqualität sicherstellen
Die KI ist nur so gut wie die Daten, mit denen sie arbeitet. Eine saubere Datenbasis ist essenziell, um präzise Prognosen und intelligente Automatisierung zu ermöglichen.
3. Klein starten, groß skalieren
Anstatt KI großflächig und auf einmal einzuführen, lohnt es sich, mit Proof-of-Concepts und Pilotprojekten zu beginnen. So lassen sich erste Erfolge messen und das System schrittweise skalieren.
4. Change Management: Menschen mitnehmen
Der Einsatz künstlicher Intelligenz wird Prozesse verändern – und das kann Unsicherheiten bei Mitarbeitern auslösen. Transparente Kommunikation und Schulungen sind essenziell, um Akzeptanz zu schaffen.
Deep-dive zu den Erfolgsfaktoren
Weitere Einblicke in die Erfolgsfaktoren für eine KI-gestützte Supply Chain bietet Ihnen unser Whitepaper, das im Rahmen der Triple-Transformation-Studie der Bundesvereinigung Logistik (BVL) entstanden ist.
Fazit: Ki als Chance
Fazit: KI als Chance
KI bietet enorme Chancen für Unternehmen mit komplexen Lieferketten. Doch der Unterschied zwischen Buzzword und Business Value liegt im Wie:
- Pragmatismus statt Perfektion
- Fokus statt Gießkanne
- Menschen und Maschinen als Team
Wer KI gezielt einsetzt, kann Marktveränderungen proaktiv begegnen, die Supply Chain effizienter gestalten und sich langfristig einen Wettbewerbsvorsprung sichern.
Mit dem richtigen Partner, einem klaren Fahrplan und dem Mut zum Umdenken lässt sich aus KI weit mehr machen als ein weiteres digitales Buzzword.
Wenn Sie mehr erfahren möchten, schauen Sie sich auch unser (englisches) Webinar zum Thema „Driving sustainability in global supply chains leveraging AI technology an.
Sie möchten KI in Ihrer Lieferketten nutzen oder optimieren? Holen Sie sich jetzt Unterstützung unserer Experten für KI und Lieferketten!
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